Jahrhundertunwetter vor 90 Jahren brachte die Menschen in große Bedrängnis

 

Am 04. Juli 1929 wurde unsere Gegend von einem Jahrhundertunwetter mit Totalhagelschlag heimgesucht.

Zeitzeugen erinnerten sich noch Jahrzehnte danach an dieses furchtbare Ereignis, dass in diesem Ausmaß wohl einzigartig war.


In unserem Heimatarchiv fanden wir unter den Aufzeichnungen von Ludwig Niggl, dem damaligen Schloßgutsverwalter in Steinach eine detaillierten Ablauf dieses Wettergeschehens:

„Schon am Morgen des 04. Juli 1929 herrschte eine erdrückende Schwüle. Die Ungezieferplage war außergewöhnlich groß. Die Pferde auf der Weide und ganz besonders die Kühe zeigten eine ungewöhnliche Unruhe. Auch die Menschen waren an diesem Vormittag beeindruckt, man spürte, es lag etwas in der Luft.

Mit Rücksicht auf die Wetterlage beschlossen wir nur kurze Mittag zu machen und zeitig mit allen verfügbaren Kräften, auch mit den Handwerkern ins Heu zu gehen, denn im Moos lag viel gutes Heu zum Einfahren bereit. Es war außergewöhnlich schwül. Die Arbeiter verlangten ständig nach Getränken.

Um 15 Uhr Nachmittags zogen schwere Wolken  auf. Zu dieser Zeit hauste das nun folgende Unwetter bereits in Amberg, wie wir später erfuhren. Gegen 16 Uhr, wir hatten inzwischen schon eine Anzahl Fuhren unter Dach gebracht, entlud sich das Gewitter mit großem Sturm und Totalhagelschlag auch über Steinach.

Um 15.45 Uhr verfinsterte sich die Sonne, es herrschte in der ganzen Natur ein unbeschreiblicher Zustand. Dann brach die Gewalt los. Es waren alle Vorkehrungen getroffen, die möglich waren, denn man ahnte, dass etwas Furchtbares kommen würde. Die Tiere waren inzwischen derart unruhig geworden, dass einige Kühe die Ketten sprengten und sich los machten. Die Hunde verkrochen sich und suchten Schutz beim Herrle oder Frauchen.

Das Gewitter kam von der Lausitz und zog über Bayern und Böhmen hinweg. Mehr als 1.000 Gemeinden waren betroffen worden.

Der Hagel fiel in einer Dichte, wie man es bisher nicht erlebt hatte. Die Schlossen erreichten die Größe von Hühnereiern. Stunden lang nach dem Fall lag noch dicht das Eis auf Flug und Straßen. Die Fuhrleute hatten im Moos den Pferden die Strange abgeschnitten, da sie davon rasen wollten, sie kamen vereinzelt und ledig auf den Hof.

 

Hageleinschlag in einem noch weichen Drainageauslauf. Größe des Einschlages verglichen an einem Ei.

 

In der Nähe der Donau wurden Gespanne mit samt dem Heuwagen in die Donau gefegt, als versucht wurde, die Heufuhren noch nach Hause zu bringen.

Die Frauen hatten sich im Moos mit dem Gesicht zur Erde zu Boden geworfen, verschiedene kamen mit Wunden am Rücken nach Hause, denn alle hatten in dieser Hitze die Kleider so gut als möglich abgeworfen.

Die Ernte war zu 100% vernichtet, das Gras auf den Wiesen war wie weggemäht. Gerettet wurde merkwürdiger Weise ein Rübenschlag. Die Rüben konnten sich nochmals erholen, da die Hageleinschläge nicht das Herzblatt trafen, sondern seitlich einschlugen. Etwas konnte auch vom Goldhafer gerettet werden, der fest an Stecken gebunden war. Getreide und auch die Kartoffeln waren verloren.

 

FO GUT 71

der zerstörte Rübenacker

 FO UMKR 31

  Eine zerstörte Scheune und im Vordergrund die vernichtete Ernte eines Getreidefeldes

Die Gärten waren wie glattrasiert, die Bäume zeigten kaum noch ein Laub. Am Abend schien die Sonne auf das Schlachtfeld, wie wenn nichts geschehen wäre, grell eine furchtbare Verwüstung beleuchtend.

 

In den Häusern klagten die Bauern, heulten die Frauen und Kinder, alle waren fassungslos.

Noch in der Nacht wurde angespannt und mit allen verfügbaren Gespannen zur Stadt gefahren, um Ziegel zu holen, denn die Dächer waren an vielen Plätzen durchgeschlagen und das Wasser konnte auf das noch gerettete Heu eindringen.

Der Gutsverwalter begleitete die Gespanne mit Briefen an die Ziegeleibesitzer und der Bitte, um Berücksichtigung von Steinach. Anrufe waren bereits aus weitem Umkreis, bis von Amberg, schon am Abend des 4. Juli eingelaufen. Unsere Leitungen waren jedoch alle außer Betrieb.

Am nächsten Morgen kauften wir – Gut und Dorf zusammen – Wicken und Erbsen auf, wo sie nur zu erhalten waren. Durch starken Anbau von Feldfutter sollte Futter beschafft und außerdem der Boden wieder einigermaßen bedeckt werden.

 

  

 Abgebrochener Kamin der Ziegelei Jungmeier

Neben den großen Schäden an den Gebäuden – Scheunen waren eingestürzt, Fabrikschornsteine umgelegt worden – hatten vor allem auch die Waldungen sehr schwere Sturmschäden erlitten. Besonders verheerend sahen die Waldungen bei  Zwiesel aus.“

  

  

Waldschäden bei Unterharthof